PFIATDI EIERINDUSTRIE
beruht auf einer Rede in Wien, 27. Sept. 2003

http://www.8ung.at/pfiatdi

Spät in der Nacht des fünften August zweitausendeins betraten drei Personen einen der größten Schlachthöfe von Schweden. Sie waren über einen Zaun geklettert und hatten die Hintertüre aufgebrochen. Der Schlachthof hatte keinen Alarm. Die drei Personen drehten das Licht auf, nahmen ihre Vorschlaghämmer heraus und begannen systematisch alle Maschinen und Werkzeuge zu zerstören, die zum Töten und Aufschneiden von Schweinen und Rindern benutzt werden. Sägeblätter wurden verbogen, Schlachtmesser unschädlich gemacht.

Wie alles zerstört war, gaben sie Getränke und vegane Mehlspeisen auf die Tische für die Schlachter. Dann riefen sie die Polizei an und baten sie zu kommen, um festzustellen und zu bezeugen, was die Aktivisten getan hatten. Sie riefen auch mich an. Ich hatte die halbe Nacht wach gelegen und auf diesen Anruf gewartet. Ich verständigte die Medien. Binnen 1 Stunde waren die größten schwedischen Zeitungen und TV-Stationen über das Ereignis informiert.

Ein Jahr später wurde einer der Teilnehmer zu acht Monaten Gefängnis verurteilt. Die beiden anderen mussten Sozialdienst verrichten.

Eineinhalb Jahre nach dieser Aktion, von der ich gerade erzählt habe, nach ich selbst an einer ähnlichen Aktion teil. Diesesmal ging es um Legehennen. In diesem Text möchte ich von der Situation der Hühner in der modernen Eierindustrie erzählen, und warum ich und zwei Freunde beschlossen haben, uns für diese Hühner einzusetzen und dafür die Taktik des "Zivilen Ungehorsams" zu verwenden.

Zunächst möchte ich über die Eierindustrie erzählen, und zwar über den Ort, wo die Legehennen geboren warden - die Brüterei. Dann werde ich das Konzept des zivilen Ungehorsams beschreiben und warum ich glaube, dass es manchmal legitim und effektiv ist, es anzuwenden. Zuletzt möchte ich von der Aktion erzählen, die wir diesen Frühling ausgeführt haben.

DER WEG DER HENNEN DURCH DIE MODERNE EIERINDUSTRIE

Weil ich aus Schweden bin, beziehen sich diese Informationen auf schwedische Zustände, aber es sieht überall in der westlichen Welt ziemlich ähnlich aus.

In Schweden gibt es ungefähr hunderttausend Hennen und Hähne, die als Elterntiere der Legehennen verwendet werden. Die Eier dieser Elterntiere werden in sogenannte Brutmaschinen gegeben, von wo sie dann in Schlüpfmaschinen gelangen. Nachdem die Küken geschlüpft sind, werden sie in männliche und weibliche Küken sortiert. Während die männlichen Kücken

lebendig in den Müll geworfen, wandern die weiblichen über ein Fliessband durch eine Impfmaschine. Die Babyhennen werden dann in Kisten verpackt und mit LKWs zu den Aufzuchtbetrieben transportiert.

Nach einigen Wochen in den Aufzuchtbetrieben werden die Hennen noch einmal transportiert, dieses Mal zu den Legebetrieben. Sie werden in Käfige, oder wenn sie ein bisschen mehr Glück haben, in riesige Hallen, zusammen mit tausenden anderen Hennen, gesteckt. Dort verbringen sie etwas mehr als ein Jahr, um Eier zu legen.

Wenn die Eierproduktion zurückgeht, werden die Hennen entweder sofort zu Tode gegast, oder zu Schlachthäusern transportiert, wo sie an den Beinen aufgehängt und in ein elektrifiziertes Wasserbecken getaucht werden. Dort verlieren sie ihr Bewusstsein.

Von einem tierrechtlerischen Standpunkt aus gesehen, gibt es mehrere Probleme bei der modernen Eierindustrie.

Zum Beispiel werden die Hühner so gezüchtet, dass sie innerhalb einer möglichst kurzen Zeit soviele Eier wie nur möglich legen. Die Eierindustrie hat größeres Interesse daran, soviel Geld wie nur möglich zu verdienen, als das Wohlbefinden der Tiere zu garantieren. Hühnerexperten und -expertinnen in Schweden sagen, dass das zu einer weitaus größeren Häufigkeit an Eileiterentzündungen unter den Hennen, sowie zu einer herabgesetzten Widerstandsfähigkeit gegenüber Krankheiten geführt hat. Hennen in der modernen Eierindustrie legen ungefähr zwanzig mal mehr Eier pro Jahr als ihre nicht-domestizierten Vorfahren.

Ein anderes Beispiel wie Zucht die Hennen beeinflusst, wäre, dass die Eierschalen heutzutage viel dichter sind, als sie natürlich sein würden. Das führt zusammen mit der riesigen Anzahl an Eiern, die sie legen, zu einem Mangel an Kalzium, und damit zu einem zerbrechlichen Skelett. Knochenbrüche liegen an der Tagesordnung.

Besonders offensichtlich ist, dass das industrialisierte Umfeld im Allgemeinen, speziell bei der Käfighaltung, für die Hennen unmöglich macht sich natürlich zu verhalten. Um sich wohl zu fühlen muss es Hennen möglich sein, zu scharren, Futter selbständig zu suchen, in Kleingruppen bis zu maximal zwanzig Hühnern zu leben, und so weiter.

Wir denken, dass Hühner in der modernen Eierindustrie mehr als Eierlegemaschinen gesehen werden, denn als fühlende Wesen. Das allerdings ist nicht so, weil die Eierproduktionsindustrie böse ist, sondern weil jede Eierfirma ihre Eier so billig wie möglich erzeugen muss, um im Wettbewerb der Marktwirtschaft bestehen zu können. Wenn wir uns des Tierleids annehmen wollen, muss sich das komplett ändern.

ZIVILER UNGEHORSAM

Nun möchte ich über das Konzept des zivilen Ungehorsams erzählen. Es gibt viele verschiedene Definitionen dieses Begriffes. Aktionen, die in die Kategorie "ziviler Ungehorsam" fallen, müssen meiner Meinung nach die folgenden vier Kriterien erfüllen:

1. Sie müssen das Gesetz brechen.

2. Sie müssen eine Aktion mit politischem Inhalt sein - das heißt, es geht nicht um die eigenen Interessen, sondern um eine gesellschaftliche Veränderung.

3. Sie müssen gewaltfrei sein - damit ist gemeint, dass niemandem, egal ob Mensch oder Tier, körperlicher oder psychischer Schaden zugefügt wird.

4. Sie müssen offen sein - damit ist gemeint, dass die Beteiligten ihre Identität preisgeben und zu ihrer Tat stehen.

Ich denke ziviler Ungehorsam ist manchmal gerechtfertigt. Warum?

Erstens können Gesetze widersprüchlich sein. Ein Gesetz schreibt etwas vor, ein anderes etwas Gegenteiliges. Zum Beispiel gibt es bei uns in Schweden ein Gesetz, das artgerechte Tierhaltung vorschreibt. Dieses Gesetz wird von der Eierproduktionsindustrie täglich übertreten. Aber das ändert nichts, weil das Gesetz nicht ernst genommen wird. Manchmal ist es notwendig, bestehende Gesetze zu brechen, um zum Beispiel das Gesetz für artgerechte Tierhaltung zu vollziehen.

Zweitens können Gesetze falsch sein. Die Mehrheit kann sich irren. Ich denke, wenn die Mehrheit der Bevölkerung über die heutigen Zustände in der Tierindustrie Bescheid wüsste und die Macht hätte, sie zu ändern, würde sie das tun. Aber auch wenn die Mehrheit sich für etwas ausspricht, kann es dennoch falsch sein. Heute wünschen wir uns oft, dass sich in den

neunzehndreissiger Jahren mehr Menschen gegen die Meinung der Mehrheit bezüglich Rassismus ausgesprochen hätten.

Drittens gibt es auch in einer Demokratie Gruppen, deren Stimme nicht gehört wird, die aber dennoch von der Entscheidung der Mehrheit getroffen werden. Wenn wir heute beispielsweise der Umwelt schaden, betrifft dies auch Menschen, die noch nicht geboren wurden. Hätten diese Menschen die Möglichkeit unsere Entscheidungen zu beeinflussen, würde wahrscheinlich

unsere Gesellschaft anders aussehen. Auch Tiere haben nicht die Möglichkeit, die demokratischen Entscheidungen zu beeinflussen. Ziviler Ungehorsam kann ein Weg sein, eine Gruppe, deren Interesse in der Demokratie nicht beachtet wird, zu vertreten, wenn die Demokratie versagt.

Schließlich ist die Alternative zu einer Gesellschaft mit zivilem Ungehorsam viel schlimmer - es ist eine Gesellschaft mit blindem Gehorsam. Damit eine Demokratie funktioniert, ist sowohl Gehorsam als auch Ungehorsam notwendig. Sie benötigt größtenteils das Annehmen demokratischer Entscheidungen, aber auch den Einsatz unserer Vernunft und unseres Gewissens! Wir wollen keine Gesellschaft, in der Menschen vorgeschriebenen Befehlen und Gesetzen folgen, ohne selbst über deren Konsequenzen nachzudenken!

DIE "PFIATDI EIER-INDUSTRIE"-AKTION

Im April dieses Jahres haben wir die Aktion "Pfiatdi Eierindustrie" durchgeführt. Wir wollten das Leid der Hennen in der Eier-Industrie verringern und wir fanden einen Weg, wie wir das vielleicht schaffen konnten. Wir wollten versuchen, das Ausbrüten von Eiern in einer Brüterei zu stoppen.

Gimranäs ist Schwedens größte Brüterei und gilt als elftgrößte und modernste Brüterei der Welt. Sie deckt neunzig Prozent des Legehennen-Marktes in Schweden ab. Zehntausende Hennen werden von der Brüterei täglich ausgeliefert, um dann ein miserables Leben in irgendeinem Legebetrieb zu fristen. Wir wussten, wenn wir die Brütereien auch nur ein paar Tage stoppen könnten, würde tausenden Hühnern so ein sinnloses, trauriges Leben erspart bleiben.

Wir bereiteten uns auf die Aktion vor, indem wir Texte für unsere Homepage schrieben, indem wir uns innerhalb der Gruppe besser kennenlernten, indem wir uns auf Treffen mit Journalisten vorbereiteten und so weiter. Die Gruppe bestand aus mir, einer Frau namens Hanna und einem Mann namens Daniel.

Wir besuchten die Brüterei auch in der Nacht um herauszufinden, wie wir in das Gebäude-Innere kommen könnten. Die Brüterei bestand aus zwei unterschiedlichen Häusern in zwei nebeneinander liegenden Dörfern. Am siebenundzwanzigsten April drangen wir dann in die Gebäude ein. Daniel und Hanna gingen in das größere, ich in das kleinere Gebäude. Wir schlugen mit Hämmern auf die Brutmaschinen und schnitten Stromkabel durch.

Wir wollten aber auch zeigen, dass wir nichts gegen die Angestellten der Brüterei haben. Wir sind nur gegen die Eierindustrie als solche. Deshalb hinterließen wir selbstgebackene Kuchen und Kaffee sowie einen Brief an die Arbeiter. Der Kuchen war natürlich ohne Eier gebacken. Der Brief war von uns allen unterschrieben, womit wir zeigen wollten, dass wir nicht die

Absicht hatten, unsere Identität zu verbergen.

Im Gebäude, wo Daniel und Hanna waren, ging ein Alarm los, und sie wurden nach nur 30 Minuten festgenommen. In meinem Gebäude gab es doch keinen Alarm und ich konnte deshalb zwei Stunden lang ungestört arbeiten. Ich hatte auch die Zeit, Poster mit Tierrechts-Botschaften aufzuhängen.

Wir hatten geplant, am nächsten Tag auf einem Platz der nächsten größeren Stadt, Göteborg, öffentlich über die Aktion zu sprechen. Deshalb fuhr ich dorthin. Vor meiner Rede wurde ich von ein paar Zeitungen interviewed, aber gerade als ich mit der Rede beginnen wollte, wurde ich von der Polizei festgenommen.

Zwei Tage lang mussten wir auf der Polizeistation bleiben, dann wurden wir auf freiem Fuß angezeigt. Als wir draußen waren, lasen wir in Zeitungen, dass unsere Aktion bewirkt hatte, dass zweiundvierzigtausend Eier abgekühlt waren und niemals Hennen oder Hähne daraus schlüpfen würden. Und das, obwohl es uns im größeren der beiden Brüterei-Gebäude - wo Hanna und Daniel waren - nicht gelungen war, eine vollständige Abschaltung der Maschinen zu erreichen, und die Aktion damit nur ein halber Erfolg war.

Die Konsequenzen der Aktion waren vielfältig. Sicher haben wir viele Leute damit beeinflusst. Eine der Personen, denen ich einen persönlichen Brief über die Brüterei-Aktion sendete, war ein Lehrer, und er las den Brief in voller Länge seinen Schülern vor. Viele von ihnen fanden die Aktion richtig. Und viele unserer Verwandten haben aufgehört Eier zu essen oder zumindest damit begonnen, über ihren Konsum tierlicher Produkte nachzudenken. Gleichzeitig war es sicher eine besonders provokante und gewagte Aktion. Hanna lebte damals in einer Stadt, wo viele Leute in einem Schlachthaus arbeiten, und eines Nachts warf jemand einen Stein durch ihr Fenster. Mittlerweile ist sie umgezogen. Aber obwohl sich viele Leute über uns geärgert haben, sind wir mit unserer Aktion zufrieden. Wir wissen, dass politisch gegen die Tier-Ausbeutungs-Industrie vorzugehen ein langer, harter Weg sein wird. Und wir können nicht erwarten, dass alle von Anfang an auf unserer Seite sind. Es kann hunderte Jahre dauern, wie der Kampf für die Rechte der Frauen.

Zur Zeit warten wir gerade auf unseren Prozess, der im November sein wird. Wir müssen mit bis zu vier Jahren Gefängnis rechnen, wenn wir Glück haben kommen wir mit Sozialdienst als Strafe davon. Es könnte auch sein, dass wir eine Menge Geld an die Versicherung der Brüterei zahlen müssen. Aber wir sind darauf vorbereitet, und wir haben viele Menschen, die uns unterstützen. Was sind unsere Probleme im Vergleich zur Situation der Legehühner!

Johan Jaatinen




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Gimranäs AB